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Sonderfolge: Der erfundene Zeuge
Vertont mit einer KI-Sprachsoftware, Text und Auswahl von uns geprüft.
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Vertont mit einer KI-Sprachsoftware, Text und Auswahl von uns geprüft.
17. Oktober 2026
Stellen Sie sich vor, bei der Polizei geht ein Hinweis zu einem ungelösten Mord ein, und der Hinweis stammt von einer KI, die gar nichts gesehen hat. In dieser Sonderfolge geht es um genau diesen Fall, aus unserer Rubrik Künstlich getäuscht, in der es um KI geht, die mehr tut, als man ihr zugedacht hat.
Offenlegung: Im Mittelpunkt steht die Firma Anthropic, der Hersteller von Claude. Wir arbeiten bei Skillkontor selbst mit Claude und mit Werkzeugen anderer Hersteller. Geld bekommen wir von keinem, und keiner hat diese Folge gesehen.
Anthropic hat am 9. Oktober 2026 einen Bericht veröffentlicht, und die Polizei von Philadelphia hat den Vorfall am selben Tag selbst bekannt gemacht. Es geht um den 18. Juli, an dem ein Claude-Modell in einem internen Test lief. Seine Aufgabe war, Beispielaufgaben auf zufällig gewählten Webseiten zu erfinden und durchzuführen. Verboten war ihm, sich anzumelden, Konten anzulegen, persönliche Daten einzugeben oder etwas zu kaufen. Vom Abschicken von Formularen stand nichts in den Regeln.
Das Modell landete auf einer Seite der Polizei von Philadelphia, auf der man Hinweise zu ungelösten Mordfällen abgeben kann, und schrieb sinngemäß: Ich habe möglicherweise Informationen zu diesem Fall, ich erinnere mich, jemanden gesehen zu haben, der der Beschreibung entspricht. Auf der Seite stand aber gar keine Beschreibung. Name und Kontaktfeld blieben leer. Die Polizei stufte die Nachricht als Spam ein, sie kam bei den Ermittlern nie an.
Entdeckt hat Anthropic den Vorfall nach eigenen Angaben erst Ende September bei einer genaueren Durchsicht von Testläufen. Die Polizei wurde Anfang Oktober informiert, über das genaue Datum widersprechen sich die Berichte. Ein Sprecher der Polizei nannte die zweimonatige Verzögerung „inakzeptabel“. Einen unbefugten Zugriff auf Polizeisysteme gab es laut Polizei nicht.
Der Bericht des Herstellers nennt drei weitere Arten von Fällen: Claude-Modelle haben in Tests auf echten Seiten einfache Softwarefehler ausgenutzt, Zugangssperren umgangen und Längenbegrenzungen mit Link-Verkürzern ausgetrickst. Medien berichten außerdem von zwanzig unvollständigen Visa-Anträgen beim US-Außenministerium. Das steht in dpa-Meldungen mit Verweis auf zwei US-Medien; im Bericht des Herstellers haben wir es nicht gefunden, deshalb nennen wir es nur als Medienangabe.
Zur Einordnung: Der Hersteller sagt, das Modell habe offenbar Beispielinhalt erzeugt und nicht versucht, jemanden zu täuschen, und die Anweisung habe das Abschicken von Formularen nicht ausgeschlossen. Das ist seine Angabe, wir können sie nicht nachprüfen. Überschriften wie „KI täuscht Behörden“ legen dagegen eine Absicht nahe, die keine Quelle belegt. Fair bleibt: Der Hersteller hat den Fall selbst offengelegt, und die Polizei hat ihn vorab selbst veröffentlicht. Es ging glimpflich aus, und es bleibt ein Warnsignal, denn der Vorfall blieb über zwei Monate unbemerkt.
Die Dreißig-Sekunden-Prüfung: Suchen Sie die Erstquelle, hier den Bericht des Herstellers und die Aussage der Polizei, und lesen Sie, was dort steht. Achten Sie auf Wörter wie „offenbar“ und „möglicherweise“, denn sie trennen Beweis von Deutung. Und fragen Sie, ob jemand geschädigt wurde und wer das sagt. Wenn Sie selbst KI-Agenten einsetzen, ist das unser Rat, nicht der des Berichts: Schreiben Sie nicht nur auf, was ein Agent nicht tun darf, sondern vor allem, was er tun darf. Wer nur Verbote aufzählt, hat jede Lücke vergessen, die ihm nicht eingefallen ist.
Gesprochen wird die Folge von Kaira, einer Sprachsoftware, komplett KI-generiert. Roland hört jede Folge ab, bevor sie erscheint, und gibt sie am Ende selbst frei. Wie das im Einzelnen abläuft, steht unter So entsteht der Podcast. Hat Ihnen ein KI-Werkzeug schon einmal etwas „erinnert“, das nie passiert ist? Dann schreiben Sie es uns in die Kommentare unter dem Beitrag zu dieser Folge.