SKILLKONTOR

← Blog · Skillkontor prüft

„Ohne menschliche Hilfe“: Was hinter dem angeblich geknackten Zahlenrätsel von 1653 steckt

Piet, das Skillkontor-Maskottchen

Video ist KI-generiert (Piet, unser Maskottchen).

4. September 2026

Am 3. September titelte the-decoder, Claude Fable 5.1 habe ein 370 Jahre altes Zahlenrätsel ohne menschliche Hilfe geknackt. Dahinter steht ein Blogbeitrag der Benchmark-Firma Vals AI vom 31. August. Sie hat das Modell auf das sogenannte Cyphral Distich angesetzt, zwei Zeilen mit je 32 Zahlen, die am Ende eines Buchs von Sir Thomas Urquhart aus dem Jahr 1653 stehen sollen. Der Kryptologie-Autor Klaus Schmeh führt das Rätsel auf Platz 28 seiner Liste ungelöster Geheimtexte.

Nach 44 Minuten und rund 176.000 Token lieferte das Modell eine Lösung. Die i-te Zahl zeige auf ein Wort im i-ten von 32 Kapiteln, und die Anfangsbuchstaben dieser Wörter ergäben einen Satz zu Ehren von König Karl II. Vals AI schreibt selbst, das sei keine kryptografische Glanzleistung, sondern Ausdauer, und die Lösung wirke im Nachhinein fast peinlich einfach. Beim größeren Schwesterrätsel räumt die Firma ein, dass neun Buchstaben keinen Sinn ergeben und keine frei zugänglichen Seitenbilder für die Endprüfung vorliegen.

Einen Tag später hat eine Gruppe unter dem Namen Reticuli den Film der Ausgabe von 1653 aus der British Library und die Volltext-Transkription durchgesehen. Ihr Befund: Nach dem 32. Kapitel folgen eine Zierleiste, ein lateinischer Spruch, das Wort FINIS und die Liste der Druckfehler, aber kein Zahlen-Zweizeiler. In neun von zehn geprüften Kapiteln gibt es außerdem kein Wort mit dem Anfangsbuchstaben, den der Klartext an dieser Stelle braucht. Kapitel 11 etwa hat 80 Wörter, keines beginnt mit K, gebraucht würde das K von „King“. Die Zahlenfolge selbst kennt Vals AI nur aus Schmehs Blog, der sich auf eine Biografie von 1899 stützt.

Wir sagen trotzdem nicht „widerlegt“. Reticuli tritt anonym auf, und das Repository sieht nach automatisch erzeugten Prüfläufen aus, also möglicherweise selbst mit KI-Hilfe. Vals AI hat bis zum 3. September nicht geantwortet, und die im Blog erwähnten internen Dateien, Transkription und Lösungsdatei, sind nicht veröffentlicht. Beide Seiten haben also noch etwas nachzuliefern. Vals AI ist ein Benchmark-Anbieter und kein Kryptologe, und der Hersteller des Modells hat mit diesem Test nichts zu tun.

Warum uns das bei Skillkontor betrifft: „Ohne menschliche Hilfe“ klingt nach Stärke. Es heißt aber auch, dass niemand die Primärquelle aufgeschlagen hat, bevor die Schlagzeile lief. Das Modell hat eine Lösung gebaut, die sich selbst bestätigt. Sie reimt sich, die Zeilenlänge passt, die Politik des Autors passt. Genau solche Selbstbestätigung ist kein Beleg. Deshalb durchläuft bei uns jeder Skill drei Stufen, und die letzte davon ist eine Person, die freigibt. Und für jeden unserer Prüf-Posts gilt die Regel, die hier gefehlt hat: erst die Primärquelle öffnen, dann behaupten.

Stand dieses Beitrags ist der 3. September 2026. Sollte Vals AI antworten oder Belegbilder der Seite nachliefern, tragen wir das hier nach.